KI – Kmuns Intelligenz: Das Versprechen der grünen KI – und was wirklich dahintersteckt
Grete Bauneuer

Symbolbild: Ole Kmuns' KI-Rechenzentrum steht nahe dem größten Braunkohlekraftwerk Europas.
Auf einem exklusiven Investoren-Treffen wirbt der Unternehmer Ole Kmuns für sein neuestes Prestigeprojekt: ein angeblich zu 100 Prozent CO₂-neutrales KI-Rechenzentrum in Europa. Die Dimensionen sind enorm: 370 Millionen KI-Anfragen täglich, ein Strombedarf wie 200.000 Haushalte – rund 100 Megawatt. Kmuns verspricht „grünen Strom", zertifiziert und nachhaltig. Doch meine Recherchen zeigen: Die Realität ist komplizierter.
Wie funktionieren Herkunftsnachweise für Ökostrom?
Ole Kmuns bezieht für sein Rechenzentrum sogenannte Herkunftsnachweise (HKN) aus dem marokkanischen Solarkraftwerk Noor 3 – einem der größten Solarthermie-Kraftwerke der Welt. Der tatsächliche Standort seines Rechenzentrums liegt jedoch nahe Belchatów in Polen – in direkter Nachbarschaft zum größten Braunkohlekraftwerk Europas, dem Kraftwerk Bełchatów. Daten von Electricity Maps zeigen: Nur rund 33 Prozent des polnischen Strommixes stammen 2025 aus CO₂-neutralen Quellen.
Die Fakten:
- 370 Millionen KI-Anfragen täglich
- Strombedarf: 100 Megawatt (wie 200.000 Haushalte)
- Standort: Nahe Kraftwerk Bełchatów, Polen
- Polnischer Strommix 2025: nur 33% CO₂-neutral
- Herkunftsnachweise stammen aus marokkanischem Solarkraftwerk Noor 3
Das Problem der zeitlichen und räumlichen Entkopplung
Grundsätzlich ist es positiv, wenn Unternehmen Ökostrom per Zertifikat kaufen – es fördert den Ausbau erneuerbarer Energien und signalisiert Nachfrage nach grünem Strom. Das europäische System der Herkunftsnachweise (European Energy Certificate System, EECS) ermöglicht diesen Handel über Landesgrenzen hinweg.
In der Praxis gibt es jedoch eine wesentliche Einschränkung: Weder der Zeitpunkt noch der Ort der Energieerzeugung ist mit dem tatsächlichen Energieverbrauch verknüpft. Das bedeutet: Wenn Kmuns' Rechenzentrum nachts um 3 Uhr in Polen Strom verbraucht, kann dieser durch ein Zertifikat „grün" werden, das von einem Solarkraftwerk in Marokko stammt, das seinen Strom mittags erzeugt hat.
Hintergrund: Das Zertifikatesystem
Laut einer Analyse des Energieanbieters Ostrom funktioniert das System so: Konventionelle Stromerzeuger können Zertifikate von erneuerbaren Anlagen im Ausland (z.B. Norwegen oder Spanien) kaufen und dann ihren Strom als „grün" vermarkten. Nach dem Verkauf der Zertifikate muss der Strom im Erzeugungsland umetikettiert werden und darf dort nicht mehr als 100% grün verkauft werden.
Die Konsequenz: Der Zukauf von Herkunftsnachweisen aus dem Ausland ändert an der Zusammensetzung des lokalen Strommixes – in diesem Fall in Polen – rein gar nichts. Der physische Strom, der tatsächlich verbraucht wird, stammt weiterhin größtenteils aus fossilen Quellen.
Was das für nachhaltige Entwicklung bedeutet
Das Nachhaltigkeitsziel 9 der Vereinten Nationen steht für verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und nachhaltige Infrastruktur. Rechenzentren mit hohem Energie- und Wasserverbrauch stellen eine besondere Herausforderung dar. Transparenz über die tatsächliche Herkunft des verbrauchten Stroms ist dabei entscheidend.
Das bedeutet nicht, dass Herkunftsnachweise grundsätzlich schlecht sind – sie sind ein wichtiger erster Schritt. Doch für echte Klimaneutralität wären weitergehende Maßnahmen nötig: etwa der direkte Bezug von Strom aus erneuerbaren Quellen am Standort (Power Purchase Agreements mit lokalen Erzeugern) oder die zeitliche Abstimmung des Verbrauchs mit der erneuerbaren Erzeugung.
Was wir jetzt tun können: TuDus für mehr Transparenz
Deine TuDus für echte Nachhaltigkeit:
- Hinterfragt Nachhaltigkeitsversprechen von Unternehmen – fragt nach, woher der Strom tatsächlich kommt.
- Informiert euch über den realen Strommix und Standort großer Digitalprojekte.
- Unterstützt Initiativen für transparente Energiedaten und den Ausbau erneuerbarer Energien vor Ort.
- Achtet bei eurem eigenen Stromanbieter auf direkte Lieferverträge (PPAs) mit deutschen Erzeugern statt nur auf Zertifikate.
Nur eine informierte Öffentlichkeit kann zwischen echten Nachhaltigkeitsbemühungen und reinen Marketingversprechen unterscheiden. Hier findet ihr alle TuDus: https://17ziele.de/tudu.html
Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel erklärt die Funktionsweise des europäischen Herkunftsnachweissystems auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen. Die Nutzung von Herkunftsnachweisen durch Unternehmen ist legal und weit verbreitet. Die Diskussion um die Wirksamkeit des Systems für den Klimaschutz wird in Fachkreisen kontrovers geführt.
Grete Bauneuer
Grete Bauneuer ist eine der führenden investigativen Journalistinnen Deutschlands. Mit über 15 Jahren Erfahrung deckt sie Korruption, Machtmissbrauch und wirtschaftliche Skandale auf. Bei Krautjournal leitet sie das investigative Ressort und ist bekannt für ihre akribischen Recherchen.
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